Auswahl von Testlesern

Testleser (Teil 2): Worauf sollten Autoren bei der Auswahl von Testlesern achten?

Im ersten Teil meiner Mini-Testleser-Reihe hatte der Autor Lars Mielke bereits verraten, worauf er bei der Auswahl von Testlesern achtet. Doch auch bei diesem Thema gibt es verschiedene Vorgehensweisen, unterschiedliche Meinungen und differenzierte Vorgehensweisen. Welche das beispielsweise sind? Lest selbst! Am Ende gibt es übrigens wieder ein Interview – diesmal mit zwei Autoren, die sich den Fragen über die Auswahl von Testlesern stellen.

Wie kommen Autoren und Testleser im echten Leben zusammen?

Wer nicht gerade ein berühmter Bestseller-Autor ist, dem rennen die potenziellen Testleser auch nicht unbedingt die Bude ein. Wie auch? Man kennt einen ja nicht! In Teil 1 der Testleser-Reihe haben wir zwei wesentliche Gruppen definiert – die „Freunde und Verwandten“ und die „Fremden Dritten“. Wie man Freunde und Verwandte als Testleser gewinnen kann, sollte logisch sein. Da reicht meist ein Anruf, ein kleiner Plausch am Kaffeetisch oder man fragt per Kurznachricht auf dem Smartphone & Co. nach. Aber wie verhält es sich mit den „Fremden Dritten“? Hier kann es knifflig werden. Doch gerade dank Social Web lassen sich zum Beispiel auf verschiedenen Plattformen Testleser finden. Zum Beispiel in Facebook-Gruppen, auf „Reading-Plattformen“ wie Lovelybooks – oder man knüpft Kontakte zu „Viellesern“ oder Buchbloggern, die sich beispielsweise auf Instagram herumtreiben oder eigene Blogs betreiben.

Mögliche Kriterien bei der Auswahl von Testlesern

Bevor es zum Interview kommt, schauen wir uns aber erst noch die möglichen Kriterien bei der Auswahl von Testlesern an. Was sollten Testleser mitbringen, um den Autoren einen echten Mehrwert zu liefern?

  • Interesse am Genre: Wer sich noch nie für Liebesromane begeistern konnte, sollte sich auch nicht als Testleser für Liebesgeschichten melden. Die Kritik daran dürfte bereits im Voraus klar sein.
  • Zuverlässigkeit: Autoren müssen oft Deadlines einhalten. Wer als Testleser zusichert, Feedback zu geben, der sollte das auch machen.
  • Pünktlichkeit: Die Zuverlässigkeit führt gleich zum nächsten Punkt „Pünktlichkeit“. Wenn zum Beispiel ein Datum für das Feedback vereinbart wurde ist es enorm wichtig, dieses Datum auch einzuhalten. Nach den Rückmeldungen der Testleser müssen die Autoren nämlich womöglich nochmal teils große Änderungen am Manuskript vornehmen. Und das machen sie oft erst, wenn ihnen alle Rückmeldungen vorliegen.
  • Ehrliches Feedback: Auch wenn man die Gefühle der Autoren nicht verletzen möchte, ist ein ehrliches Feedback enorm wichtig. Hat dem Testleser etwas nicht gefallen, sollte er das auch ehrlich kommunizieren. Übrigens ist negative Kritik oft viel wertvoller, als wenn man alles einfach nur toll findet. Dadurch können die Autoren nämlich am Text feilen und nicht nur ihr Buch, sondern auch sich selbst weiterentwickeln.
  • Konstruktive Kritik: Vorsicht beim ehrlichen Feedback! Es sollte dennoch fair und konstruktiv sein. Eine Rückmeldung wie „gefällt mir nicht“ bringt die Autoren kein Stück vorwärts. Wichtig ist hier zu wissen, WESHALB es nicht gefallen hat!

Diese fünf beispielhaften Kriterien bilden in Kombination mit der Frage zur Auswahl von Testlesern nun die Basis für das folgende Experteninterview …

Erfahrungsaustausch: Interview mit den Autoren Ursula Konder und Dennis Kazek

Autor Dennis Kazek

Heute befinden sich zwei Autoren im Interview, die kaum unterschiedlicher sein könnten: Ursula Konder bewegt sich im Bereich der Lyrik. Dennis Kazek hingegen veröffentlichte bisher einen Zombie-Roman und arbeitet aktuell an einer Low-Fantasy-Reihe. Und dennoch haben sie etwas miteinander gemeinsam: Beide schreiben leidenschaftlich gerne – und können sich in den Erfahrungsaustausch über die Auswahl von Testlesern begeben …

Katja: Mal eine Frage zum Aufwärmen: Könnt ihr bei den fünf möglichen Kriterien zur Auswahl von Testlesern mitgehen und warum?

Ursula: Ich finde die fünf Punkte absolut zutreffend. In meinem Fall ist es nicht ganz einfach Testleser zu bekommen, denn Lyrik ist ein schwieriges Genre. Mir wurde einmal gesagt, so etwas lesen nur Feingeister. Immer wieder bekomme ich auch zu hören „Gedichte lesen ist nichts für mich“. Und andere meinen, wenn es sich nicht reimt, ist es kein Gedicht. Und dennoch gibt es die Lyrik-Leser oftmals da, wo man sie nicht vermutet.

Ich habe einige als Testleser gefunden, und auf die kann ich mich in den genannten Punkten voll und ganz verlassen. Allerdings muss man vorher genau definieren, auf was geachtet und was bewertet werden soll. Denn ein Feedback „Es hat mir gut – oder gar nicht – gefallen“ ist eine subjektive Meinung. Was dem einen gefällt, muss dem anderen nicht gefallen. Da muss genau gesagt werden, wie es zur Bewertung kam. Nur so kann der Autor das eine oder andere nochmals überdenken. Zum Punkt Verlässlichkeit beziehungsweise Pünktlichkeit: Es ist furchtbar wenn du auf das notwendige Feedback wartest um endlich zum finalen Endspurt ansetzen zu können. Das ist wie auf heißen Kohlen sitzen. Testleser sollten keine Zusagen machen, die sie zeitlich nicht bedienen können.

Dennis: Absolut. Du hast sehr gut zusammengefasst, worauf es mir als Autor bei Testlesern ankommt. Wichtig ist mir ehrliches Feedback, das mir auch bei meinem Roman hilft. Am „verhasstesten“ ist immer: „Ich fand ihn gut“. Das hilft einem gar nicht. Zum Glück wissen das viele Testleser. Zudem erwähne ich es direkt bei der Erstbesprechung.

Katja: Fallen euch weitere Kriterien ein, auf die ihr bei euren Testlesern Wert legt?

Ursula: Ich bin immer sehr dankbar, wenn ich nochmals Hinweise auf Stolperstellen bekomme und mit meinem Testleser über mögliche Verbesserungen diskutieren kann. Ich hatte im Das Gürteltier eine Passage die ich immer und immer wieder überarbeitet habe. Dennoch blieb es holprig. Meine Freundin las und hatte sofort die Lösung. Darüber war ich sehr dankbar. Auch was die Typographie betrifft oder den Umbruch habe ich ein offenes Ohr. Selbst wird man ja oftmals betriebsblind.

Dennis: Sie sollten auf jeden Fall die Zeit und Lust haben, sich mit dem Buch auseinander zu setzen. In der Regel lege ich einen Fragebogen bei, der ihnen helfen soll, sich zu orientieren. Ansonsten hast du schon alles Wichtige notiert.

Katja: Freunde und Verwandte oder „Fremde Dritte“ – Welche Testleser-Gruppe bevorzugt ihr?

Autorin Ursula Konder

Ursula: Ich hatte bei meinem ersten Lyrik-Band Freunde, Familie und Fremde mit im Boot. Das war auch gut so. Meine Freunde und meine Familie kennen mich und haben vieles kritisch hinterfragt und mich auch oftmals darauf hingewiesen, dass ich sehr viel von mir preisgebe. Wir haben das dann diskutiert und ich konnte nochmals darüber nachdenken, ob ich das tatsächlich wollte.

Letzten Endes ist es dabei geblieben, denn gerade in der Lyrik fließt auch sehr viel Autobiographisches mit ein. Wie sonst könnte ich Gefühle beschreiben, wenn ich sie nicht selbst durchlebt hätte. Die Fremden waren tatsächlich Fremde, die mich nicht kannten. Sie haben mit Abstand zu mir gelesen und konnten mir so gut sagen, ob ich sie auf der Gefühlsebene erreicht hatte. Das war mir sehr wichtig. Wenn eines meiner Gedichte dich auch noch Stunden danach beschäftigt, dann habe ich erreicht, was ich erreichen wollte. Die Menschen zu (be)rühren, ihnen Mut zu machen, Halt zu geben oder sie aufzufordern, ihren Frust oder ihre Wut zu artikulieren.

Dennis: Am liebsten „Fremde Dritte“. Die wenigsten Freunde sind so knallhart, wie Fremde. Wie schon gesagt, bringt es mir aber nichts, wenn der Testleser mich verhätschelt, die Amazon Rezensionen dann aber vernichtend sind.

Katja: Und nun noch ein Plausch aus dem Nähkästchen: Habt ihr besonders tolle und / oder besonders grausame Erfahrungen mit Testlesern gemacht? Erzählt doch mal (natürlich, ohne Namen zu nennen) 😉

Ursula: Oh, da habe ich ein wunderbares Beispiele parat. Obwohl die Leserin zur unfreiwilligen Testleserin wurde: Ich war in diesem Jahr in einer Kurklinik. Mit im Gepäck hatte ich meinen Lyrik-Band da ich ein Büchlein der Klinik für die Bibliothek stiften wollte. Als einige Mitpatienten und ich nachmittags bei einem Kaffee zusammen saßen erzählten wir reihum, was wir so machen. Viele waren auch künstlerisch tätig. Als sie hörten, dass ich ein kleines Buch herausgebracht hatte, wollten es alle sehen. Also holte ich es und wir redeten über das Schreiben an und für sich. Als wir die Kaffeetafel auflösten, blieb der Lyrik-Band auf dem Tisch liegen.

Erst kurz vor dem Abendessen fiel er mir wieder ein und ich wollte ihn holen gehen. Als ich ins Foyer kam, hörte ich eine Frauenstimme, die mir sehr bekannte Worte vorlas. Ich kam näher und sah sechs Frauen die andächtig lauschten, als die Vorleserin die letzten Worte vorlas: „… am Ende der Tränen steht das Leben“. Was für wundervolle und große Worte, meinte sie. Ich setzte mich dazu und fragte, ob sie mir das Gedicht nochmals vorlesen wolle. „Wenn du solche Gedichte magst, gerne“, erwiderte sie. Sie las, ich hörte meine Worte aus ihrem Mund. Die Verse hatten sie offensichtlich tief berührt und sie wollte wissen, wie es mir gefallen habe. Ich musste schmunzeln: „Na ja, es muss mir ja wohl gefallen, denn ich habe es geschrieben“, verriet ich und sie bekam den Mund nicht mehr zu.

Was dann kam, machte mich nur noch glücklich. Alle gratulierten mir so spontan und ehrlich, wollten alle ein Buch mit Signatur und erzählten den anderen, dass eine echte Autorin in der Klinik sei. Für mich war das einer der schönsten Momente in meinem noch jungen Autorendasein, denn ich erfuhr in diesem Moment und noch Tage danach aufrichtige Wertschätzung. Das werde ich nie vergessen.

Dennis: Ich glaube, dass ich ein richtig „böser“ Testleser bin. Ein Kollege war nach meinem „Lektorat“ richtig angefressen und seine Frau ebenfalls. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis er sich dazu durchgerungen hat, meinem Feedback eine Chance zu geben. Seither sind wir aber sehr gute Freunde und er hat sich ordentlich revanchiert. Denn dank seiner unglaublichen Hilfe konnte ich meinen Debütroman Rising Death zu einem klasse Buch machen. Er hat mir ebenfalls die Augen in Bezug auf meine Fehler geöffnet. Ich konnte sehr viel für meine Fantasy-Reihe Sirana übernehmen, um nicht nochmal die selben Fehler zu machen. Als Autor muss man sich immer weiter entwickeln, sonst wird es für einen selbst und den Leser öde, finde ich.

Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für das Interview genommen habt! Damit lasst ihr uns nicht nur an euren Erfahrungen teilhaben, sondern bietet zeitgleich Einblicke in euer Autorenleben. Teil 2 der Mini-Reihe über die Auswahl von Testlesern – mit Fokus auf der Autorensicht – ist nun beendet. Der dritte Teil zum Thema „Testleser“ mit weiteren Experteninterviews steht aber bereits in den Startlöchern!

Beitragsfoto © Martina Brunow Fotografie

6 Comments

  • Evy Dezember 20, 2017 at 4:59 pm

    Die Schreib-Dilettanten haben kürzlich einen Podcast zum Thema gemacht. Interessant fand ich, dass erfahrende Autoren scheinbar keine detaillierte Kritik brauchen, sondern nur eine Bemerkung, wenn eine Stelle nicht funktioniert. Sie kennen ihren Stil so gut, dass sie bei „funktioniert nicht!“ wissen, was zu tun ist?

    Ich denke, auch die Beziehung zw. Testleser und Autor ist eine Arbeitsbeziehung, bei der man sich klar austauscht, wie man gut arbeitet. Was erwartet der Autor? Wo liegen seine Baustellen? Wie kann der Testleser das Feedback so übermitteln, dass es beim Autor gut ankommt? Mir ist außerdem wichtig, in welche Richtung der Text geht bzw. was die Idee dahinter ist. Was will der Autor bewirken? Als Testleser bin ich keine Maschine, sondern ich lebe mit dem Text. Daher ist es mir wichtig, dahinter stehen zu können.

    Ich finde es gut, als Testleser zu sagen, wo meine Stärken sind und welches Feedback ich gut geben kann. Und wo meine Schwächen liegen 🙂

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    • Katja Dezember 20, 2017 at 5:28 pm

      Ich kann nicht für andere sprechen … aber mir persönlich würde ein Feedback mit „gefällt mir nicht“ kein Stück weiterhelfen … Gründe gibt es ja viele. Lag es an der Geschichte selbst, an einzelnen Charaktereigenschaften, am Verhalten der Figuren, wie sie ein konkretes Problem angegangen sind, am Stil, …
      Ich bin auch voll bei dir, was die Beziehung zwischen Testleser und Autor betrifft. Vor allem schätze ich, dass die Chemie stimmen muss. Wie in jeder anderen (Arbeits-) Beziehung auch. Und wenn sich beide an bestimmte Feedback-Regeln halten, sollte das Projekt „Testlesen“ auch erfolgreich verlaufen 🙂

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      • Evy Dezember 21, 2017 at 2:02 pm

        Ich denke, im Podcast meinte der Autor auch semi-konkretes Feedback, wie du es beschrieben hast. Bei manchen Autoren überlege ich wiederum, woran es genau liegt, dass die Stelle nicht funktioniert. Das brauchen erfahrene Autoren weniger.

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        • Katja Dezember 21, 2017 at 10:03 pm

          Womöglich liegt es an der Erfahrung. Vielleicht ist es aber auch Typsache. Jeder Mensch ist anders. Und auch jeder geht mit Feedback anders um. Ich kann mich ja mal parallel umhören wie die Lage aktuell steht – und wie das andere Autoren so sehen 😉

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          • Evy Dezember 22, 2017 at 7:44 pm

            Es ist ein spannendes Thema! Ich würde den Artikel lesen 😛 Cool finde ich, auch die Testleser zu fragen.

          • Katja Dezember 22, 2017 at 8:04 pm

            Mir ist es wichtig, beide Seiten zu beleuchten. Genau das macht das Thema „Testleser“ nämlich auch für mich sehr spannend 😉

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