Autoren-Adventskalender Tag 22 Evelyn Buchholz-Dassen

Wie wurde aus dem Raubtier Wolf unser Lebensbegleiter Hund? Die Autorin Evelyn Buchholz-Dassen beschäftig sich im heutigen Gastbeitrag mit dieser Frage. Wir wünschen viel Freude bei der Kurzgeschichte …

Die etwas andere Weihnachtsgeschichte oder Wie der Wolf auf den Mensch kam von Evelyn Buchholz-Dassen

Es begab sich aber zu der Zeit, dass unter den Wölfen eine große Zählung stattfinden sollte. Es war notwendig geworden, weil auch die stärksten Wölfinnen oft nur ein Junges bekamen und dieses manchmal noch nicht einmal überlebte. Schuld daran waren die vielen außergewöhnlich harten Winter, die alle schwächten und viele sterben ließen. Aber auch die Menschen töteten die Wölfe,
wo sie nur konnten. So stimmte eines Tages der Große Wolf ein lautes Geheul an, das weiter und immer weiter getragen wurde, bis schließlich alle Wölfe auf dem Weg zum Großen Sammelplatz waren, den aber nicht jeder erreichte, da er unterwegs in die Ewigen Wolfsgründe abberufen wurde.

Da machte sich auch auf Aktra, ein wunderschöner großer, kräftiger Wolfsrüde, und seine Gefährtin Kishka, die tragend war. Sie hatten längst kein Rudel mehr; einer nach dem anderen war für immer fortgegangen. Für Kishka war der Weg besonders beschwerlich, da diesmal ihre Trächtigkeit ganz
anders verlief. Dabei wusste sie, dass sie nur EINEN Welpen bekommen würde. Ihr war oft Atanja, die alte, weise Wölfin, die schon vor vielen Wintern gestorben war, im Traum erschienen. Zuerst hatte Kishka nicht auf ihre Träume geachtet, doch die Botschaften von Atanja wurden immer intensiver, so dass sich Kishka anfangs sehr fürchtete. Auch erzählte Atanja ihr im Traum unglaubliche Dinge über Freundschaften zwischen Menschen und Wölfen – eine absurde und schreckliche Vorstellung!

Schließlich, eines Tages, schrie Kishka so im Schlaf auf, dass Aktra knurrend aufsprang und sie wild verteidigen wollte. Als er aber sah, dass Kishka nur aufgrund eines Traumes so geschrieen hatte, wollte er endlich wissen, was mit ihr los war.

„Ach, Aktra, ich traue es mir gar nicht zu sagen, du hältst mich bestimmt für verrückt!“
Doch da Aktra weiter drängte, berichtete sie ihm schließlich alles, auch vom letzten schrecklichen Traum, in dem Atanja zu ihr gesprochen hatte: „Dein Junges, das du zur Welt bringen wirst, ist kein
gewöhnliches Wolfsjunges. Ja, er ist sehr stark, dein Sohn, aber das muss er auch, denn er hat eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Er wird der erste Wolfsfreund des Menschen sein, und aus ihm werden viele Nachkommen entstehen, die enge Freunde der Menschen sind und mit ihnen spielen, jagen und ihnen dienen. Dafür werden er und seine Nachkommen immer genug zu essen haben und nicht ums Überleben kämpfen müssen. Du wirst es nicht erleben, aber eines Tages werden die Menschen die Wölfe in Ruhe lassen, weil sie erkannt haben, dass sie in das Große Gefüge der Welt gehören, und die Wölfe werden niemals aussterben. Doch dafür müssen wir ein Opfer bringen, das kein so großes Opfer mehr sein wird, weil das Ziel gut ist. Die Nachkommen deines Sohnes werden HUNDE heißen, und sie werden in ihrem Leben genauso glücklich sein wie du in deinem.“

Als Kishka ihren Bericht beendet hatte, sprach Aktra lange Zeit kein Wort. Doch dann sagte er langsam: „Kishka, ich habe davon gewusst, schon vor langer, langer Zeit, aber ich habe nie jemandem davon erzählt, um nicht als verrückt zu gelten. Später habe ich nicht mehr daran denken wollen und es auch vergessen, weil wir ein normales Leben führten. Auch mir ist Atanja im Traum erschienen, als ich noch ein junger Wolf war, und ich hatte Angst, als Verrückter aus dem Rudel ausgeschlossen zu werden. Was das bedeutet, weißt du ja. Deswegen habe ich so lange geschwiegen. Nun müssen wir aber auf unsere Träume und auf Atanja hören, es ist uns so vorbestimmt. So haben wir unsere Aufgabe zu erfüllen, damit wir Wölfe überleben können. Es ist eine große Aufgabe, und ich werde dir beistehen!“

Damit war alles gesagt, und die Wanderung musste weitergehen. Als sie endlich am Großen Sammelplatz ankamen, staunten sie über die große Anzahl ihrer Artgenossen, die aber nur ein Bruchteil der Menge war, die sonst in den Wäldern und Bergen gelebt hat. Aktra suchte eine Höhle, einen Schutz für IGsilka, doch nirgends war Platz. Sie wurden immer wieder weiter geschickt, weil auch so viele Wölfe geschwächt waren. Kishka merkte, dass sie an der Zeit war, um zu wölfen, und drängte Aktra, aber es war nichts zu machen.

Da erspähten sie am Rand einer Lichtung, für Wölfe geFührlich nah an den Menschen, einen von ihnen gemachten Unterschlupf, eine Art Höhle. Sie roch noch unangenehm nach dem gefährlichen Mensch, wenn auch schwach, weil er schon lange, lange nicht mehr dagewesen war. Doch Kishka konnte nicht mehr, und so ließen sie sich nieder.

Die anderen Wölfe trauten sich nicht dort hin, aber der Große Wolf erzählte ihnen von der Legende über die Freundschaft zwischen den Menschen und den Wölfen. Es sollte auch ein großes Licht über der Stelle erstrahlen, an der der Vater aller Hunde geboren wird. Viele Wölfe murrten und meinten, jetzt sei der Alte übergeschnappt und müsse seinen Platz hergeben, doch wagten sie es
nicht, dies offen auszusprechen. Stattdessen entfernten sie sich etwas von der Gruppe, um zu beraten, was sie machen sollten.

Plötzlich rief einer von ihnen: „Seht doch, seht doch, was ist das für ein Licht über der Menschenhöhle?!“ Und tatsächlich, über Aktras und Kishkas Lagerstatt leuchtete ein Stern so hell, dass er bis zum Sammelplatz schien. Neugierig wollten die Mutigsten unter den Wölfen dorthin laufen, doch der Große Wolf allein hatte das Vorrecht. Und was er erblickte, zaubertiec h kann ein Lächeln auf sein altes, weises Gesicht, und er sprach: „Nun ist die Prophezeiung füllt, und
beruhigt in die Ewigen Wolfsgründe wandern. Ein anderer wird meinen Platz einnehmen, und dieser wirst du, Aktra, sein. Mit deiner Gefährtin wirst du alle Wölfe dieser Erde führen, bis es wieder an der Zeit ist, dass ein anderer kommt. Es wird niemals wieder so sein wie früher, jedoch nicht schlechter. So lebt nun wohl und habt Dank, dass ihr mir meinen Frieden gegeben habt!“

Dann ging der Große Wolf und kam nie wieder.

Endlich durften auch die anderen Wölfe das große Wunder bestaunen, das aus einem h nach zwei wunderhübschen, starken Welpen bestand. Kishka und Aktra liebten ihren Sohn, doch nach zwei Monden kam die Zeit der Trennung. Kishka zerbrach es fast das Herz, als sie mit ihrem Sohn darüber sprach. Doch wie erstaunt war sie, als er antwortete: „Mutter und Vater, ich kenne meine
Aufgabe, auch mir ist Atanja im Traum erschienen. Doch ich habe keine Angst, macht euch keine Sorgen. Ich werde euch auch bald besuchen und berichten, wie es mir bei den Menschen ergeht. Nun lasst mich allein, ich werde bald von den Menschen geholt.“

Und so geschah es, wobei alle Wölfe zu einem großen Geheul anhoben – aus Trauer, aber auch aus Hoffnung. Es waren Menschenwelpen, die das Wolfsjunge entdeckten. Sie nahmen es mit, zogen es auf, spielten mit ihm, gaben ihm genug zu fressen und waren überhaupt sehr freundlich, wie auch die übrigen Mitglieder des Menschenrudels.

Als Kishka und Aktras Sohn erwachsen war, hielt er sein Versprechen und besuchte die anderen Wölfe in den Wäldern, um von seinem neuen Leben zu berichten. Die Menschen nahmen es ihm nicht übel, kam er doch immer wieder zu ihnen zurück und war freundlicher als zuvor. Eines Tages kam er von seinen Ausflügen mit einer Gefährtin zurück, die das Blut von Atanja und dem Großen
Wolf in sich trug, und die ihm viele Nachkommen schenkte. Sie erzählte ihren Kindern die Geschichte ihrer Vorfahren und ihres Hundwerdens, auf dass sie nie in Vergessenheit gerate. Auch die Wölfe in den Wäldern und Bergen trugen sie in ihren Reihen von Generation zu Generation weiter, so dass alle Wölfe und Hunde bis auf den heutigen Tag die Geschichte von der Entstehung des Menschenbegleiters kennen.

Und sie alle sprechen nur mit Ehrfurcht von Kishka, Aktra und ihrem Sohn. So kommt es, dass zu ihren Ehren alle Wölfe jedes Jahr zur selben Zeit ein Großes Geheul anstimmen, dessen Grund die Menschen nicht wissen und niemals wissen werden – das Geheul des Großen Wunders, des Wolfssohnes und Stammvaters aller Hunde – CANIS PRIMUS.

Über Evelyn Buchholz-Dassen

Liebe Leserin, lieber Leser, die gute Fee Fantasie begleitet mich seit meiner Kindheit und ist mir auch nach meinem Erwachsenwerden nicht von der Seite gewichen. Warum sollte sie es auch tun, denn ich ernähre sie immer noch, indem ich Bücher verschlinge, Alltagsszenen und was mich bewegt in Geschichten umsetze und dabei meinen so geschaffenen Figuren durchaus auch zugestehe, ein Eigenleben zu entwickeln. Da ich mit und für Menschen vom Kind bis zum Senior tätig bin und dazu seit 25 Jahren auch meine Hunde einsetze, schöpfe ich gern aus dieser Quelle. Meine Freundin Fantasie mag es, für viele Menschen da zu sein, so dass sie gerne Kinder erfreut, sich aber auch ganz spitzbübisch skurrile Geschichten für Erwachsene ausdenkt, die schon mal etwas Gänsehaut hinterlassen. Ich kann sie verstehen, denn sie muss sich gegen ihre Konkurrentin Sachlichkeit durchsetzen, die für Fachartikel und Lehrmaterial über Tiergestütze Intervention mit Hunden und Training von Hunden zuständig ist. Allerdings können auch beide zusammen mit mir arbeiten, zum Beispiel bei meinen Generationen verbindenden Theaterprojekten mit Hund.

So leben Fantasie, Sachlichkeit und ich in trauter Einigkeit zusammen mit meinen zwei- und vierbeinigen Familienmitgliedern unter einem Dach, welches man in einem kleinen, aber feinen Badeort finden kann, den man auch das „Bad der unverstandenen Frauen“ nennt 😉

Ich hoffe, Sie hatten Freude beim Lesen der Geschichte hinter diesem Adventstürchen, die auch im Wolfmagazin der bekannten Wolfsforscherin und Buchautorin Elli Radinger erschienen ist, und verbleibe mit den herzlichsten Weihnachtsgrüßen und verbunden mit den besten Wünschen für 2018!

Ihre Evelyn Buchholz-Dassen

 

 

1 Comment

  • Petra Scheer Dezember 22, 2017 at 7:22 pm

    Was für eine schöne Geschichte! Vielen Dank dafür!
    Alles Liebe und ein herzlicher Grus an dieser Stelle.
    Petra

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